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Die Rückkehr der Philosophie
Die Rückkehr der Philosophie
Von der Kulturkrise zur kulturellen Renaissance
Die Periodizität ist eines der universellen Gesetze der Natur. Alles kehrt wieder. Doch was ist das, was wiederkehrt? Sind es die Formen oder ist es etwas anderes hinter den Formen? Etwas, das sich durch die Formen nur versucht auszudrücken – einmal mehr, einmal weniger deutlich?
Für einige moderne Geschichtsforscher gilt der Grundsatz, dass man die Entwicklung der „äußeren“ Geschichte niemals getrennt betrachten kann von der parallel laufenden Entwicklung des menschlichen Bewusstseins. Nur im Licht dieser „inneren Geschichte“ sind bestimmte historische Phänomene überhaupt verständlich, denn das Bewusstsein der unterschiedlichen Völker und Zivilisationen ändert sich im Laufe der Zeiten. Und diese Tatsache wirkt sich entscheidend auf die Bildung von Kultur und überhaupt auf jeden geschichtlichen Prozess aus.
Mit anderen Worten: Es ist immer entscheidend, die kollektive Geisteshaltung zu studieren, die einen bestimmten historischen Abschnitt in Bewegung setzte und prägte. Es reicht nicht aus, die geschichtlichen Prozesse äußerlich zu studieren und ausschließlich auf Grund dieses Studienmaterials seine Schlüsse daraus zu ziehen – Schlüsse, die immer Kinder der subjektiven persönlichen Weltanschauung sind. Wir dürfen nicht, sorglos wie wir sind, unsere berühmt-berüchtigten Etiketten und Bewertungen (meist sind diese verkappte Abwertungen…) verteilen: „Die Kultur A war primitiv, denn sie benutzte das Rad noch nicht.“ – „Die Kultur B war degeneriert, denn sie praktizierte Menschenopfer.“ – „Die Kultur C war noch unreif, da sie das philosophische Denken noch nicht aus den Fesseln der Religion befreit hatte.“
Ertappen wir uns nicht selbst bei ähnlichen Einstellungen zu geschichtlichen Phänomenen? – Nun, ich ertappe mich jedenfalls selbst manchmal dabei. Diese Einstellung entspringt wohl einer Art von kulturellem Hochmut, da wir vorbehaltlos unser gewohntes kulturelles Wertesystem als Maßstab nehmen und daran die anderen Epochen und Kulturen messen – ohne unsere eigene Haltung zu hinterfragen und kritisch zu beleuchten, wie wir es so gerne mit fremden Haltungen tun… Ist das gerecht?
Wir haben oben den Grundsatz kennen gelernt, dass man die Entwicklung der „äußeren“ Geschichte niemals getrennt betrachten darf von der parallel laufenden Entwicklung des menschlichen Bewusstseins. Wenn wir uns die Mühe machen, jene „innere Geschichte“ zu studieren, so bemerken wir, dass bestimmte geistig-kulturelle „Archetypen“ immer wieder versuchen, sich in unserer menschlichen Welt auszudrücken – periodisch, wie die Meereswellen, die sich geduldig, aber unbeirrbar an den Küsten brechen.
Sind nicht die Kulturen in den Gezeiten der Zeit mit jenen Ländern vergleichbar, die in einer ständigen Umarmung mit dem Meer des Schicksals leben, eine Umarmung, die zugleich Leben gibt und Leben nimmt? – Der Deichwart im „Schimmelreiter“ von Theodor Storm erlebt diese mythische Spannung zwischen der Ichhaftigkeit bzw. dem Egoismus der menschlichen Natur und der moralischen Notwendigkeit, sich den Gezeiten der Natur und des Schicksals unterzuordnen, um nicht unterzugehen. Wie hoch wir unsere Lebensdämme auch bauen, aufbauend auf unseren „Kenntnissen“ und „Techniken“: Irgendwann kommt das „Meer“ und holt sich seinen Teil zurück…
Wir brauchen eine andere Einstellung zu dem, was wir „Kultur“ nennen. Wir haben unsere Kultur abgeschottet gegen alle möglichen unangenehmen und störenden Einflüsse. Auch gegen unsere eigene Vergangenheit als Menschheit. Auch sie wollen wir davon abhalten, uns einen Spiegel vorzuhalten. Wir sind stolz darauf, von den „Fesseln alter Wertesysteme“ frei zu sein. Unsere Lebenshaltung lautet ungefähr so: „Wir sind uns selbst genug – wir wissen zwar nicht, ob die Zukunft besser oder schlechter wird… vermutlich erst einmal schlechter… aber Hauptsache, wir sind autark, autonom, unabhängig von der Vergangenheit.“
Ich kann mir nicht helfen: irgendwie erinnern mich diese Sprüche an ein pubertäres Kind, welches große Stücke darauf hält, „in Opposition zu sein“, um seine scheinbare Unabhängigkeit und Reife unter Beweis zu stellen. Diese Phase ist zweifellos eine naturgegebene Angelegenheit, aber nichtsdestoweniger unreif.
Unsere eigene Kultur ist angefault. Sie hat sich in ihre eigenen pubertären bzw. schon wieder morschen Wertesysteme verliebt und – verstrickt. Sie kann sich nicht aus eigener Kraft aus diesen Verstrickungen befreien, denn dazu ist das aktuelle Wertesystem nicht geeignet (eigentlich müssten wir von einem aktuellen System der Unwerte sprechen…).
Unsere Kultur leidet. Wenn wir die momentane menschliche Situation in Europa und in der Welt betrachten, all die Dramen, die wir täglich durch die mächtigen Medien vermittelt bekommen, so könnte einem ein bestürzendes Bild vor Augen treten: das Bild einer Menschheit, die, einem großen Tier gleich, sich krümmend und brüllend vor Schmerz und Leid, dabei ist, einen Abgrund hinunterzustürzen.
Als Gegengewicht zu dieser mahnenden Stimme weben die sichtbaren und unsichtbaren Machthaber (Platons „Herren der Höhle“) ein Zaubernetz, durch welches uns gelehrt wird, an die großen Errungenschaften der Aufklärung und der Moderne zu glauben. Der Slogan lautet überspitzt etwa so: „Uns geht es so gut wie niemals zuvor. Wir besitzen Mobilität und Meinungsfreiheit, und überhaupt wird alles schneller, größer – mit einem Wort: besser. Die anderen, die nicht dieser Meinung sind, betreiben nur Schwarzmalerei, um selbst an die Macht zu kommen…“
Vielleicht stimmen Sie mit mir in dem Punkt überein, dass die Tendenz zu einer solchen Lebenseinstellung zumindest noch vor einigen Jahren vermehrt bestand. Jetzt stecken wir in einem globalen Ernüchterungsprozess. Wir haben aufgrund unleugbarer zeitgeschichtlicher Entwicklungen zugeben müssen, dass unser „westliches“ Wertesystem überholungsbedürftig ist. Wir sollten dieses Wertesystem einer Generalinspektion und gründlichen Erneuerung unterziehen. Mit unseren Autos, den heiligen Kühen unserer Gesellschaft, machen wir das ja ebenso: Alle zehntausend Kilometer fahren wir in die Werkstatt, und dort wird zuerst geprüft, welche Teile in Ordnung sind, welche repariert, welche ersetzt werden müssen. Und dann wird, ohne irgendeinen emotionalen Widerstand, einfach repariert, Einsicht in Tat umgesetzt. Denn wir wollen doch ein funktionstüchtiges Auto, oder? Dafür müssen wir einen Preis zahlen, und je länger wir mit der Wartung warten, desto teurer kommt es uns…
Sie, liebe Leser, schließen jetzt sicher messerscharf, dass wir vielleicht unsere Kultur, bzw. ihr Fahrsystem, auf ihre Verkehrssicherheit überprüfen sollten. Ich bin übrigens derselben Meinung. Und das Fahrsystem einer Kultur ist ihr Wertesystem. Aus dem Wertesystem entwickeln sich Lebenshaltungen: Einstellungen zur Natur, zur Gesellschaft, zum Individuum, zum Kosmos und zum Schicksal. Schneller als wir für möglich halten, entwickeln sich aus einem Wertesystem sogar Ideologien. Ideologien sind, philosophisch-soziologisch und wertfrei betrachtet, „die einer Gesellschaftsschicht oder einer wirtschaftlich-politischen Interessenlage zugeordneten Denkweisen und Wertvorstellungen“. Leider kommen wir nicht auf die Idee, unsere eigenen Lebenshaltungen einmal auf versteckte Ideologien zu untersuchen. Wir entdecken nur mit einem gewissen grausigen Vergnügen ideologische Einstellungen bei unserem Nächsten…
Es geht mir nicht darum, die versteckten oder offensichtlichen Ideologien zu analysieren, die unsere Gegenwart erfüllen. Dazu gibt es ausgezeichnete soziopolitische und religionsphilosophische Abhandlungen. Aber uns Philosophen in Neue Akropolis interessiert es einfach zu studieren, welche Auswirkungen unsere Lebenshaltung, also unsere „innere Geschichte“ auf unsere Umgebung hat.
Jede Kultur schafft sich ihre eigene „Sprache“. Unsere kulturelle Sprache ist materialistisch und atheistisch geprägt. Heute wird man ausgelacht, zumindest milde belächelt, wenn man im harten Daseinskampf um das wirtschaftliche Überleben und Bewahren des Wohlstandsniveaus von „Gott“ spricht, von „Moralität“, „Tugenden“, „überzeitlichen Werten“ oder vom „Inneren Menschen“ – wenn dies nicht sogar zu gesellschaftlicher Ausgrenzung führt: „In welcher Sekte bist du denn gelandet?!“ Doch hinter der technisierten und entmenschlichten Fassade schimmert für den, der seine Augen öffnet, eine Sehnsucht hindurch zu einer Quelle des wahren Menschseins. Mehr oder weniger bewusst wollen alle Menschen aus dieser Quelle trinken, sie wollen einfach wieder mehr Mensch sein. Sie sind es müde, sich selbst zu definieren durch das, was sie nur äußerlich besitzen.
Welche geistig-kulturellen Archetypen werden denn durch das westliche Wertesystem so entfremdet, dass unsere Kultur eine „Kultur der Unkultur“ geworden ist? Der große Religionsphilosoph, Mythologe und Symbolforscher Mircea Eliade vertritt die These, dass wir den Anschluss an mythische Urfragen und -antworten verloren haben. Das „Prinzip Mythos“ ist für ihn (ebenso wie für Carl Gustav Jung) keine Erfindung von uns Menschen, sondern eine uns innewohnende psychologische Dimension, also eine Bewusstseinsebene, die unabhängig von unserer äußeren Lebenshaltung auf unser Leben wirkt. Das heißt, dass ein Mensch, der sich als atheistisch bezeichnet, diese Ebene genauso besitzt wie ein religiöser Mensch. Eliade zeigt auf, dass in einer materialistisch orientierten Kultur diese religiös-mythische Ebene genauso wirkt – und wenn sie nicht auf rechte Weise kanalisiert wird, dann äußert sie sich destruktiv. Ein alter christlicher Spruch aus der Mystik lehrt: „Daimon est Deus inversus“ – „Der Dämon ist ein umgekehrter Gott“.
Unsere westliche Welt muss sich mit ihrem eigenen „Drachen“ konfrontieren, den sie selbst gezeugt hat. Immer mehr Menschen fühlen sich verraten durch das brüchig gewordene Wertesystem. Sie haben kein Vertrauen mehr zu den ausgehöhlten Slogans der politischen und religiösen Großgruppen und Meinungsmacher. Und so beginnt eine natürliche Suche nach etwas Neuem. Nicht aus einer Mode heraus, nein: Dieses Sich-auf-den-Weg-Machen ist motiviert aus einem tiefen Bedürfnis nach Echtheit, nach Menschsein, nach Antworten auf die uralten Sinnfragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Was ist Menschsein?
Unabhängig von gesellschaftlichen Einrichtungen (öffentlichen Schulen oder konfessionell gebundenen Volkskirchen) machen sich die Menschen auf den Weg. Sie entdecken, dass jahrtausendealte Lehren aus allen Kulturkreisen sich schon mit diesen Urfragen beschäftigt haben. Sie entdecken, dass einige ihrer Antworten überraschend modern sind, oder, mit anderen Worten, überzeitlichen und überkonfessionellen Charakter haben. Sie erleben auf eine natürliche Art und Weise Philo-Sophie, wörtlich die Liebe zur Weisheit: eine Art Gefühl, „auf dem Weg zu sein“, ein innerer Bewusstseinszustand des „Suchen-Wollens und Finden-Könnens“. Philosoph zu sein ist eigentlich ein „Selbst-werden-Wollen“, wie es der große zeitgenössische Philosoph Karl Jaspers formulierte.
Und die Menschen versuchen immer mehr, diese natürliche Einstellung zur Philosophie in ihr Leben zu re-integrieren: Volkshochschulen bieten vermehrt Philosophieseminare an; die Vorträge über Religionen im Vergleich sind überfüllt; die Schulen erweitern ihre Erfahrungen mit dem relativ neuen Unterrichtsgegenstand „Ethik“, der parallel zum konfessionellen Religionsunterricht angeboten werden muss, um dem rechtsstaatlichen Grundgesetz (Gewährung der Glaubensfreiheit) Folge zu leisten. Immer mehr Firmen sprechen von ihrer „Firmenphilosophie“, was immer recht gut und seriös klingt. Einige große Konzerne bieten sogar regelmäßig für ihre Führungskräfte Ethikkurse an. Und nicht immer moralisch integre Geschäftemacher schwimmen auf der Welle mit, die sich „New Age“ nennt, und bieten „Soft-Philosophien“ jeglicher Couleur an, mit dem unbestechlichen Argument: „Die Leute wollen das ja, sonst würden sie es nicht kaufen!“
Auf gut Deutsch: Der Begriff „Philosophie“ ist dabei, in der Gesellschaft eine Wandlung durchzumachen. Er ist „in“. Luciano de Crescenzo mit seinem Werk „Geschichte der griechischen Philosophie“ und anderen Bestsellern, Wilhelm Weischedel mit seiner berühmten „philosophischen Hintertreppe“, Jostein Gaarders „Sophies Welt“ (mit allein in Deutschland 1,7 Millionen verkauften Exemplaren) sind Ausdrücke dieser inneren Sehnsucht des Menschen nach Authentizität mit Hilfe der Philosophie „im klassischen Sinn“. In der Süddeutschen Zeitung las ich zu diesem Thema einen nachdenkenswerten Artikel. Dort steht: „Da stürmen Wirtschaftsmenschen mit »Platon zum Profit«, danach erquicken sie sich stoisch mit »Seneca für Manager«. Sie beschließen ihr Mahl genießerisch mit »Hegel (Kant; Konfuzius; Nietzsche; Platon; Sokrates…) in 90 Minuten«. Der Diederichs Verlag verordnet: »Philosophie jetzt!«, und lässt wohlkomponierte Sammelbände los – Sartre, Platon, Schopenhauer, etc. als Konzentrat. (…) Ein bisschen unheimlich ist dieser Boom. Er verweist auf Defizite, die nicht zu beheben sind. (…) Insgesamt gesehen breitet sich ein fruchtbarer Eklektizismus aus (…).“
Die Menschen hoffen wiederum einmal, dass das Neue sie hinführe zu etwas, das wirklich Wert hat. Wir erleben eine Renaissance der Philosophie, eine kulturelle Renaissance. Es gibt in unserer Gesellschaft Frauen und Männer, die sich idealistisch bemühen, jene „Große Zeit wiederherzustellen“, die in vergangenen Epochen wirkte und auf die späteren Jahrtausende befruchtend ausstrahlte – Epochen, die wir „Hochblüten“ nennen, Epochen, in denen der Mensch mit der Natur und mit jenem „Etwas“, das wir auch Gott nennen können, enger verflochten war und daher sinnvolle Antworten auf seine Urfragen fand.
Die Philosophie kehrt zurück, unabhängig von unserem Wollen oder Nichtwollen. Denn hinter ihr wirkt ein Archetyp, oder eher eine ganze Reihe von Archetypen. Unsere Aufgabe soll es sein, diesen geschichtlichen Wind mit unseren kulturellen Segeln einzufangen, damit unser Schiff wieder Fahrt aufnimmt und sich stark, mutig und mit Freude den Stürmen des Lebens stellen kann.
Autor: Walter Gutdeutsch
(aus:Zeitschrift von Neue Akropolis Nr. 67, 1997)
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